|  |  | | FRANCESCA CANALI | |
|
|  | | |  | |  | | | |
|  |  |
Salzburg liegt am Meer!
„Augen kann man nicht kaufen“, sagte Paul Cézanne, Ohren und das Meer
auch nicht. Alle Wege führen nach Rom, nicht weniger wieder weg. Die
Augen der römischen Flötistin Francesca Canali verraten viel. Zwei
Stückchen vom Himmel, meinte ihr Großvater, die Weite und Bläue des
Meeres, wir Meerlosen. Das Meer liebt sie. Ein Meer an Klängen, Wissen,
Ländern und vor allem Menschen hat sie schon durchschwommen. Vieles
davon blieb an ihrer Seelenhaut haften. Hörbar wird dies wenn sie ihre
Flöte zum Singen bringt. Ein hochentwickeltes Handwerk ist ihr
unsichtbares Trampolin in eine erfahren klingende Seelenwelt. Farben
des Meeres, der Menschen werden hörbar. Der Gesang des Lebens erhebt
sich, wenn sie durch Schumanns „Romanzen“ gleitet. Ein Gleiten, das das
Trommelfell des Zuhörers verletztlich macht, zum Seelenseismographen
mutieren lässt. Aber auch in Kabalevskys spritzigem Flötenkonzert
findet man sich nicht in einem „Allinclusive“ Club am Kaspischen Meer,
inkludiert ist „nur“ der hörbare Seelenblick auf das gelenke Geäst
dieser Partitur.
Ein breites Becken hat sie sich angelegt. Im Atem der Ewigen Stadt
aufgewachsen, wusste sie immer es gibt sie, diese seelische
Sichtbarkeit, dieses Ungreifbare, das das Leben erst greifbar macht.
Bald ging es nach Indien, dann vier Jahre nach Paris. Die Flöte will in
einer ihrer Hauptstädte studiert werden, wenn auch die dort erfahrene
instrumentale Reduktion schmerzhaft war, so stieg die Gewissheit um die
Richtigkeit klingenden Daseins. Eine Gewissheit, die sich radikal
verstärkte als Francesca Irena Grafenauer zu Gehör kommt. - eine
seelische Erschütterung der schönsten Art, die zur Folge hatte, dass
sie bei Grafenauer studieren musste. Auch Irena Grafenauer erkannte
ihre Klangtochter. Das Klangmeer wurde sichtbar. Man kann es nicht
kaufen, man muss sich dem Bad ausliefern, um es zu erobern.
Wettbewerbserfolge erfolgten, nicht wichtig, aber wichtig genug.
Und Francesca Canali sucht weiter in Konzerten, mit Schülern, in
wissenschaftlichen Forschem über die Verbindung von Singen und
Flötespielen und vor allem im Grundbedürfnis sich mit Menschen
auszutauschen, um sich und andere zu erfahren. Im einander Erblicken,
Erhören, Erfühlen, Erspüren die Herrlichkeit des Daseins erkennen. Auf
dem Weg dieser Erkenntnis geht Francesca Canali, ihre Seele immer
wieder herausstülpend, sichtbar, hörbar für uns Mitwanderer: erfüllend,
tröstlich,ansteckend, liebevoll streichelnd - Klänge, die einen an der Hand
nehmen und wissen lassen, wo der Mensch Mensch sein kann.
In ihrer kleinen Salzburger Wohnung voll von Büchern, Musik gibt es
viele Uhren. Jede zeigt eine andere Zeit, keine scheint richtig. Aber
was ist falsch daran, die Zeit aufzuheben. Zeit und Ort werden relativ,
also: Salzburg liegt am Meer.
von Norbert Traweeg, 2006
 |
| | | | | | |
| |
|